Im Studio mit Tristan Macé in Paris // Recording with Tristan Macé in Paris
Wenn ich zuhause auf meinem Berg um fünf Uhr aufstehe, sind schon Nachbarn, Tiere und Wesenheiten wach. Der Hahn kräht und die Vögel zwitschern. Im Nebenhaus brennt schon Licht.
Mein verstorbener Vater lächelt von seinem Foto und bekommt seine Kerze angezündet. Mit den Streichhölzern in der Hand gehe ich weiter zum Ofen, um Feuer zu machen, und versuche nicht über Elfriede zu stolpern, die mir wieder heimtückisch und liebevoll vor die Füße schießt.
Aus meinem Schornstein steigt nun Rauch, es wird warm. Zeit für einen Kaffee. Zeit, ins Morgengrauen zu schauen.
In Paris stehe ich mutterseelenallein auf. Lediglich in zwei Fenstern in all den Hochhäusern um mich herum ist Licht. Es ist still für so eine große Stadt.
Ich verlasse das Apartment und in der U Bahn hat es dann endlich Menschen. U Bahn Station Père Lachaise. Der weltberühmte Friedhof mit allen Promis. Vielleicht ist die Ruhe der Toten und ihre Gelassenheit ansteckend. Das Quartier hat mir auf jeden Fall ungemein gefallen. Sehr lebendig.
Und auch der Friedhof war sehr lebendig. Da war ich nämlich noch gestern und wollte eine der vielen Ikonen besuchen. Jim Morrison hätte mir gefallen, oder Guillaume Apollinaire, oder Honoré de Balzac.
Aber es ist Frauentag, der 8. März, und deswegen entscheide ich mich für Maria Callas und Gertrude Stein. Ich scanne den Plan und gehe los.
Nach ein paar Metern gerate ich in einen Tumult. Ein exzentrisches Pärchen erregt Ärgernis. Sie sind in Schwarz gekleidet. Er ist mager und groß, trägt aber sündhaft teure Designer Plateauschuhe, mit denen er die zwei Metermarke erreicht. Er ist kahlgeschoren, weiß geschminkt und in schwarzem bodenlangen Mantel.
Sie schafft es mit ihren Absätzen auf 1,60 Meter. Auch schwarz gekleidet. Sie trägt es aber eher in die Breite, was ihr großer weitkrempiger Hut noch betont.
Die Leute ärgern sich über den Aufzug der beiden. Das Pärchen tut mir leid. Sie kommen bestimmt von weit her. Sie haben sich schön gemacht für ihre Heldin oder ihren Helden. Und das war vielleicht Oscar Wilde oder Brigitte Fontaine oder eben Jim Morisson. Und die hätten die beiden wahrscheinlich auch geliked und Freude gehabt.
Aber mit den Verstorbenen ist das so eine Sache. Die guten Geister lassen die zwei im Stich. Niemand steht ihnen gegenüber den Anstandsgefühlen der Bürger bei. Sie müssen gehen. So kann man eben auch auf dem Friedhof scheitern.
Ich scheitere auch. Maria versteckt sich. Gertrude auch. Sie bleiben ätherisch und ich muss ihre Stimmen und ihr Schmunzeln aus dem Sonnenschein und dem Nebel herausfiltern. Aber das ist kein Nebel .
Das ist Saharastaub, hatte mir eine Kollegin erklärt. Er lässt sich mit den Winden bis nach Paris tragen und legt sich auf die weißen und schwarzen Pariser, auf die gut Gekleideten und auf die, die in Zelten oder an den U Bahn Eingängen übernachten.
Er erzählt von den Pyramiden, aber auch vom Sudan. Und wenn er schon dabei ist, erzählt er auch noch, was ihm der Kollege aus dem Orient aus Gaza, dem Libanon und dem Iran berichtet hat.
So ist das nämlich heute. Weghören geht einfach nicht mehr.
Ja, Maria, sing dein Lied. Gertrude, schaufle uns deine Worte in den Weg. Ich brauche eure Gräber nicht und habe auch keine Zeit wie die anderen Touristen, auf dem Friedhof ein Picknick zu machen. Denn es gibt noch eine lebendige Freundin, die im Krankenhaus liegt.
Und ich gehe noch einmal hin, weil ich mich gestern in der Riesenanlage der Salpêtrière so verlaufen hatte, dass ich in Tränen aufgelöst erst nach vierzig Minuten Suchen endlich vor ihrem Bett stand. Kein erbaulicher Krankenbesuch.
Heute versuche ich es wieder und es klappt. Wir lachen. Sie geht sogar ein paar Schritte. Sie weiß, dass sie noch viel Musik zu spielen hat. Sie sieht die Magnolie vor dem Fenster blühen. Sie posiert sogar für ein Foto in Gewinnerpose.
Ich bin tief beeindruckt.
Sie muss jetzt Geduld üben. Ich verspreche, mit zu üben.
Und dann sitze ich wieder in der U Bahn und denke über die Musik nach, die ich gestern mit Tristan Macé in dem kleinen Studio Mel im 20. Arrondissement eingespielt habe. Drei Stunden haben wir uns die Seele aus dem Leib musiziert. Bandoneon und Stimme.
Drei Stunden haben wir in kleinen Szenen und großen Bögen diese ganze absurde Existenz durch uns durchdröhnen, flüstern, beben und reden lassen und waren dann verschwitzt, verwundert und erleichtert und beschlossen, erst in zwei Wochen das Ganze anzuhören.
Und nun auf dem Weg zum Zug schaue ich mir wieder die Menschen an. Erstaunlich viele tragen Instrumente mit sich herum.
Musiker stehen am Montagmorgen in Paris besonders früh auf. Weil sie weiter müssen oder Heimweh haben oder eben die billigen Zugtickets gebucht haben, die zu unmöglichen Zeiten gelten.
Weil es weitergeht.
Durch die ganze schräge Welt.
Recording with Tristan Macé in Paris
When I wake up at five on my mountain at home, neighbors, animals, and unseen beings are already awake. The rooster crows and the birds are singing. The light is already on in the house next door
My late father smiles from his photo, his candle glowing. With the lighter in hand, I tend the stove, careful not to stumble over Elfriede, who slips mischievously and affectionately across my feet.
Smoke rises from my chimney, it gets warm. Time for coffee. Time to watch the dawn.
In Paris, I wake up completely alone. Only two windows in all the surrounding high-rises show light. For such a big city, it is surprisingly quiet.
I leave the apartment, and finally there are people in the Metro. U-Bahn station Père Lachaise. The world-famous cemetery with all the celebrities. Perhaps the calm of the dead and their serenity is contagious. The neighborhood, in any case, delighted me enormously. Very lively.
And the cemetery was very lively too. I had been there yesterday, wanting to visit one of the many icons. Jim Morrison would have been nice, or Guillaume Apollinaire, or Honoré de Balzac. But it is International Women’s Day, March 8, so I decide for Maria Callas and Gertrude Stein. I scan the map and set off.
A few meters in, I get caught in a commotion. An eccentric couple draws disapproval. They are dressed in black. He is tall and thin, but wears outrageously expensive designer platform shoes, which bring him to nearly two meters. He is bald, white-faced, and wears a floor-length black coat.
She reaches about 1.60 meters in heels, also dressed in black. She wears it more to the side, which her large, wide-brimmed hat further emphasizes.
People are annoyed by the way they are dressed. I feel sorry for them. They have probably come from far away. They have dressed up so nicely for their hero or heroine. And that might have been Oscar Wilde, Brigitte Fontaine, or again Jim Morrison. And those people would probably have given them a like and enjoyed it.
But with the dead, it’s a tricky thing. The good spirits leave them unsupported. Nobody defends them against the polite indignation of the living. They must leave. This is how one can fail even on a cemetery.
I fail too. Maria hides. Gertrude too. I have to filter their voices and smiles out of the sunlight and the mist. But it’s not mist. It is Saharan dust, a colleague explained. Carried by the winds to Paris, it settles on the white and black Parisians, on the well-dressed, and on those sleeping in tents or at subway entrances. He talks about the pyramids, but also about Sudan. And while he is at it, he also tells what his colleague from the Orient has reported to him from Gaza, Lebanon, and Iran.
That is how it is today. You simply can no longer look away.
Yes, Maria, sing your song. Gertrude, shovel your words into our path. I do not need your graves and I do not have time, like the other tourists, to picnic in the cemetery. For there is still a living friend who lies in the hospital.
And I go back once more, because yesterday I had gotten so lost in the vast Salpêtrière complex that I only finally stood at her bedside after forty minutes of searching, in tears. Not an uplifting hospital visit.
Today I try again, and it works. We laugh. She even takes a few steps. She knows she still has a lot of music to play. She sees the magnolia blooming outside the window. She even poses for a photo in a winner’s pose.
I am deeply impressed.
She must now practice patience. I promise to practice as well.
Then I sit again in the Metro and think about the music I recorded yesterday with Tristan Macé in the small Mel studio in the 20th arrondissement. Three hours we played our souls out. Bandoneon and voice. Three hours of small scenes and big arcs, letting this absurd existence rumble, whisper, tremble, and speak through us. We finished sweaty, amazed, relieved, and decided to wait two weeks before listening to it.
And now on the way to the train, I watch the people again. Remarkably many are carrying instruments with them.
Musicians in Paris get up especially early on Monday mornings. Because they have to keep going, or are homesick, or simply booked the cheap train tickets that only run at impossible times.
Because it goes on.
Through the whole crooked world.
